Industrie 4.0 im internationalen Vergleich - Teil 5

Wir kommen zum letzten Teil unserer Blogserie zum Thema Industrie 4.0 im internationalen Vergleich. In diesem Beitrag nehmen wir die Entwicklungen in den USA unter die Lupe. Informationen zu Deutschland, Europa, China und Japan gibt es in den vier bereits veröffentlichten Artikeln der Serie. Die Diskussionen zum Thema Industrie 4.0 beschränken sich in den USA auf Expertenkreise. Hinzu kommt, dass der Begriff Industrie 4.0 dort weniger gebräuchlich ist und stattdessen vom Industrial Internet oder Internet of Industrial Things gesprochen wird. Treiber des Themas sind vor allem die Politik und einige Unternehmen, die Unterstützung aus der Wissenschaft erhalten.

Auch die USA nimmt den Druck der internationalen Konkurrenz wahr. Vor allem in der Politik ist der Verlust von industriellen Arbeitsplätzen durch Offshoring ein großes Thema. Die Regierung will zur Reindustrialisierung der USA beitragen und widmet sich deshalb der Förderung moderner Produktionsmethoden, denn mit dem Verlust von Produktionskapazität geht meist auch der Verlust von Forschungs- und Entwicklungskapazität einher. Dies führt zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit und setzt die verbleibende Industrie stark unter Druck.

In amerikanischen Unternehmen wird die aktuelle industrielle Revolution erst als die dritte angesehen. Die Amerikaner fassen die mechanische Produktion und die Fließbandproduktion zu einem Punkt zusammen. Somit ist die Revolution durch den Einsatz von Computern erst die zweite und das Industrial Internet die dritte. Außerdem beschränkt sich das Industrial Internet nicht, wie Industrie 4.0, auf das produzierende Gewerbe, sondern schließt auch einen großen Teil des Dienstleistungs- und Landwirtschaftssektors mit ein.

Der technologische Fokus von Industrial Internet ist ein anderer als der von Industrie 4.0. Basis für beide Ansätze ist das Konzept des Cyber-Physical-Systems. In Deutschland liegt der Fokus dabei aber auf der Produktions- und Lieferkette. In den USA gehört alles dazu, was mit dem Internet verbunden ist, Daten generiert und die Effizienz steigern kann.

Konkrete Ziele werden in den USA nicht auf nationaler Ebene angesiedelt, sondern auf Unternehmensebene oder gleich global. Auf Unternehmensebene ist das primäre Ziel operative Effizienz, welche durch eine Produktivitätssteigerung erreicht werden soll. Global gesehen sollen die Branchen, die vom Internet der Dinge profitieren, zu einer Steigerung des BIP beitragen.

Im Jahr 2012 startete Präsident Obama das Programm Advanced Manufacturing Partnership zur Förderung der Produktion. Zu den Zielen des Programmes gehört die Verbesserung des Geschäftsumfelds, die

Steigerung der Innovationskraft und das Halten von Fachkräften. Dies soll erreicht werden durch das Entwickeln von neuen Produktionstechnologien, die dazu beitragen, Arbeitsplätze für hochqualifiziertes Personal zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit der USA zu verbessern.

In den USA gibt es, ähnlich der Plattform Industrie 4.0 in Deutschland, das Industrial Internet Consortium [1]. Es setzt sich zusammen aus über 200 Unternehmen, Universitäten, Forschungseinrichtungen und Regierungsbehörden. Bereits die Gründungsmitglieder AT&T, Cisco, General Electric, Intel und IBM decken mit ihren Kompetenzen in den Sektoren Produktion, Kommunikation und Informationstechnologie alle Aspekte, die das Industrial Internet ausmachen, ab. Eine konkrete Strategie mit quantitativ formulierten Zielen verfolgt das Industrial Internet Consortium nicht. Stattdessen soll es als Plattform dienen, um eine möglichst breite Befähigung der Wirtschaft in Bezug auf Industrial Internet zu ermöglichen. Das Industrial Internet Consortium hat entsprechend den Themenfeldern von Industrial Internet einen breiteren Fokus als die deutsche Plattform Industrie 4.0.

Insgesamt ist Industrie 4.0 in allen vier besprochen Ländern ein Thema, wenn auch mit unterschiedlichen Namen und mehr oder weniger enger Definition. Während aus Sicht der Politik die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und damit die Stärkung der eigenen Volkswirtschaft im Mittelpunkt steht, dominiert bei den Unternehmen der Blick auf die Potenziale, die sich durch Industrie 4.0 bieten. Um sich als Unternehmen dem Thema zu nähern ist es sinnvoll, sich auf einen mehrwertversprechenden Teilaspekt zu konzentrieren und die Entwicklung in diesem Bereich voranzutreiben. Bei einem zu weit gefassten Fokus besteht die Gefahr, sich in der Weitläufigkeit des Themas zu verlieren, da viele der oft theoretischen Industrie 4.0-Konzepte, trotz all ihrer unbestreitbaren Potentiale, die Praxistauglichkeit erst noch nachweisen müssen.

 

Author: Stefan Höfler, Software Developer