Industrie 4.0 im internationalen Vergleich - Teil 4

Es geht weiter mit unserer Blogserie. In Teil vier geht es um das Thema Industrie 4.0 in Japan. Ein Blick auf Industrie 4.0 in Deutschland, Europa und China erfolgte in den vorherigen Artikeln der Serie. Ganz im Gegensatz zu Deutschland und China ist Industrie 4.0 in Japan nicht nur ein Expertenthema. Es taucht sowohl in der Politik und der Wirtschaft als auch in den nationalen Massenmedien auf. Hier wird Deutschland mitsamt dem Begriff „Industry 4.0“ häufig referenziert. Um sich über aktuelle Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, besuchen japanische Delegationen gezielt deutsche Messen, wie die Hannover Messe. Allerdings richtet sich der Blick der Japaner mittlerweile auch auf China und die dortige Entwicklung. Bereits aus dem historischen Kontext heraus sind japanische Firmen für das Thema Industrie 4.0 sensibilisiert, da viele Firmen durch Robotertechnologie und Prozessoptimierung Weltruhm erlangten. Speziell im Bereich Internet of Things sind einige Firmen bereits weit fortgeschritten. So setzt Toyota bspw. auf vernetzte und selbstfahrende Transportroboter.

Generell geht ein Großteil der Initiative vom Privatsektor und nicht vom Staatssektor aus. Noch vor der Prägung des Begriffs Industrie 4.0 hatten Konzerne wie Fujitsu oder Hitachi das Thema auf ihrer Agenda. Durch die Reduzierung der Abhängigkeiten von einem starken Endkonsumentengeschäft entwickeln sie sich hin zu Dienstleistungsunternehmen.

Japan verfügt in vielen relevanten Industriebereichen über ein sehr hohes Niveau. Hierzu zählen unter anderem Maschinenbau, Automatisierungstechnik, Robotik, IT und Automobilproduktion. Diese Stärken werden hauptsächlich im Kontext der Massenproduktion eingesetzt. Hier sind die japanischen Methoden weltweit Vorbild. Aus diesem Grund fällt die Umstellung auf das neue Produktionsparadigma, der massenweisen Individualfertigung, schwer.

Die Erfolge der Vergangenheit sind in Japan eher Fluch als Segen. Ein Beispiel hierfür ist die Innovationskultur. Diese ist stark In-House geprägt. Es gibt zwar übergreifende Konsortien, aber grundsätzlich werden eigene Lösungen gefordert. Technologien, die von „außen“ kommen, werden oft nicht berücksichtigt. Ein offener Forschungsprozess und eine schnelle Integration von externem Wissen ist deshalb oft nicht möglich.

Um dem Druck, dem sich Japan im Zuge der vierten industriellen Revolution aus den USA und Europas ausgesetzt sieht, stand zu halten, setzt es auf seine Stärken als selbst ernannte Roboter-Supermacht. So hielten 2012 japanische Unternehmen 50 Prozent des Weltmarktes für Industrieroboter und beheimateten 23 Prozent der weltweit eingesetzten Roboter1. Mit der sogenannten „Roboterrevolution“ werden gegenwärtig weitere Ziele in diesem Sektor verfolgt. Japan will sich als globales Zentrum der Robotertechnik etablieren. Außerdem sollen Roboter über alle Lebensbereiche hinweg genutzt werden und mit Hilfe des Internet of Things in der Lage sein, Big Data oder künstliche Intelligenz zu nutzen.

Im Jahr 2015 gründete sich in Japan die Industrial Value Chain-Initiative (IVI)2. Die Initiative soll es klein- und mittelständischen Unternehmen ermöglichen, sich über Branchengrenzen hinweg zu vernetzten. Diese kamen in der Vergangenheit eher zu kurz, da die Forschung und die Optimierung der Produktion hauptsächlich von Großkonzernen vorangetrieben wurden.

Das Ziel der Initiative ist es, Standards für die Vernetzung von Fabriken und die zugehörigen Sicherheitstechnologien zu entwickeln und diese international zu etablieren. Für viele Unternehmen stellt dies eine Herausforderung dar, da in japanischen Unternehmen großteils Individualsoftware verwendet wird und nur selten Standard- oder Open Source-Software. Insgesamt steht die IVI noch am Anfang und ist in erster Linie als Teil der Roboterrevolution zu sehen. Sie soll deren Implementierung im produzierenden Gewerbe vorantreiben.

Author: Stefan Höfler, Software Developer